Diese Überschrift ist weniger provokant gemeint, als sie auf den ersten Blick erscheinen mag. Gemeint sind unterschiedliche Bedürfnisse im sozialen Miteinander von Hunden.
In diesem Beispiel führt der Weg durch einen Park. Es gibt schöne breite Wege, u.a. einen Teich mit Enten und einen Spielplatz. Ein Mensch ist mit seinem Hund unterwegs, der Hund läuft an der Leine. Ruhig, aufmerksam, ansprechbar. Er ist zufrieden. Es braucht in diesem Moment nicht mehr. So, wie es gerade ist, ist es für Mensch und Hund schön. Die Leine begrenzt ihn nicht, sie gibt Orientierung.
Dann kommt ein anderes Mensch-Hund-Team entgegen. Der Hund läuft frei. Es entsteht ein Gespräch. Die Frage, ob der angeleinte Hund nett sei, also sozialverträglich. Und wenn er das ist, warum er dann überhaupt an der Leine läuft. Dann könne er doch freilaufen, die Hunde könnten sich kennenlernen, vielleicht spielen. Das sei doch viel schöner.
Genau hier kann der Casus knacksus liegen.
Sozialverträglichkeit bedeutet nicht automatisch Kontaktfreude
Wenn von Sozialverträglichkeit gesprochen wird, sind oft sehr unterschiedliche Dinge gemeint. Für manche steht sie für Spiel, Nähe und aktiven Kontakt. Für andere für ein friedliches Miteinander und gegenseitige Rücksicht.
Ein sozialverträglicher Hund muss jedoch nicht kontaktfreudig sein. Er muss nicht jeden Artgenossen begrüßen, nicht spielen wollen und keine Nähe suchen.
Hunde, die andere Hunde wahrnehmen und respektieren, ohne den Wunsch nach Interaktion, verhalten sich sozial. Auch dann, wenn sie keinen Kontakt aufnehmen.
Hunde sind Individuen mit unterschiedlichen Bedürfnissen
Hunde unterscheiden sich. In ihrem Temperament, ihren Erfahrungen, ihrem Alter, ihrer Gesundheit und in ihrer Tagesform. Manche genießen Begegnungen und Nähe, andere bevorzugen „Übersicht“ und Abstand. Manche sind neugierig, andere eher zurückhaltend.
Mehr Kontakte bedeuten nicht automatisch bessere Sozialisation. Im Gegenteil kann zu viel Nähe, zu häufige Interaktion oder fehlende Wahlmöglichkeiten Stress erzeugen. Qualität ist wichtiger als Quantität.
Ein Hund, der wenige, passende Begegnungen hat, kann sozial sehr sicher sein. Ein Hund mit vielen Kontakten kann sich dadurch überfordert fühlen.
Eine Leine ist eine Leine
In der beschriebenen Situation ist die Leine keine Notwendigkeit und kein Hinweis auf ein Problem. Sie sagt zunächst nichts über den Hund aus. Weder darüber, ob er jagen würde, noch darüber, ob er unzuverlässig ist oder ob er generell nicht sozialverträglich ist und deshalb angeleint wird.
Die Leine ist eine bewusste Entscheidung des Menschen. Zum Beispiel aus Rücksicht auf die Umgebung, auf andere Menschen oder auf die jeweilige Situation.
Orientierung und Wahlmöglichkeiten
Im Zusammenleben mit uns Menschen brauchen Hunde insbesondere Orientierung und Sicherheit. Dazu gehört ein Mensch, der Situationen einschätzt, Entscheidungen trifft und Verantwortung übernimmt. Für viele Hunde ist es wichtig, dass Begegnungen einschätzbar und berechenbar sind, statt von ihnen spontane Reaktionen oder ständige Kontaktbereitschaft zu verlangen.
Wahlmöglichkeiten spielen dabei eine große Rolle. Ein Hund, der ausweichen darf, lernt soziale Strategien. Ein Hund, der nicht in jede Begegnung hineingeschoben wird, kann ruhiger bleiben und Situationen besser verarbeiten. Abstand ist kein Mangel, sondern eine Form sozialer Kompetenz.
Das gilt nicht nur für angeleinte Hunde. Auch freilaufende Hunde möchten nicht jeden Kontakt. Viele gehen lieber vorbei, halten Abstand oder zeigen deutlich, dass sie gerade kein Interesse an Nähe haben. Soziale Kompetenz zeigt sich auch darin, diese Signale wahrzunehmen und zu respektieren.
Nicht jeder Hund braucht jeden Hund. Sozialverträglichkeit zeigt sich nicht in der Anzahl der Kontakte, sondern im respektvollen Umgang mit Nähe, Distanz und Rücksicht.
… von Alessandra
